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KUNST NACH DEM ENDE DER KUNST Drucken

„Was durch Kunstwerke jetzt in uns erregt wird, ist außer dem unmittelbaren Genuß zugleich unser Urteil, indem wir den Inhalt, die Darstellungsmittel des Kunstwerks und die Angemessenheit und Unangemesssenheit beider unserer denkenden Betrachtung unterwerfen. Die Wissenschaft der Kunst ist darum in unserer Zeit viel mehr Bedürfnis als zu den Zeiten, in welchen die Kunst für sich als Kunst schon volle Befriedigung gewährte. Die Kunst lädt uns zur denkenden Betrachtung ein, und zwar nicht zu dem Zwecke, Kunst wieder hervorzurufen sondern, was die Kunst sei, wissenschaftlich zu erkennen.'' Hegel

 

In einer aufgeklärten Gesellschaft hat die Kunst ihre Bedeutung als eine gesellschaftliche Instanz, - sozial verbindliche Deutungs- und Handlungsmuster - verloren. In dieser Beziehung, im Hinblick auf die Darstellung einer allgemeinen Wahrheit, ist und bleibt die Kunst, so Hegel mit einer berühmten Formulierung, „für uns ein Vergangenes".

 

Aber das Ende der Kunst bedeutet nicht ihr Verschwinden. Die Frage ist nicht, ob es nach diesem Ende der Kunst noch eine Kunst geben kann. Die Kunst, die ihre kultischen und religiösen Funktionen abgestreift hat, ist danach nicht mehr, was sie einmal war.

 

Dass Kunst rein zum Gegenstand eines ästhetischen Urteils werden konnte, hatte zur Bedingung, dass sie tatsächlich nach keinen anderen - religiösen, moralischen, politischen oder ideologischen - Kriterien beurteilt werden kann, weil sie die damit verbundenen Funktionen nicht mehr erfüllt. Entfunktionalisierung war die Voraussetzung für Ästhetisierung. Hegels Ende der Kunst ermöglicht so nicht nur den vollen Genuß aller Kulte als Künste, sondern auch die Entstehung der modernen Kunstwissenschaft.

 

Gleichzeitig müssen wir zugeben, dass moderne Kunst zunehmend nur mehr in Verbindung mit ihrer wissenschaftlichen Betrachtung auftreten kann. Nicht nur die immer umfangreicheren Ausstellungskataloge legen dafür ein gewichtiges Zeugnis ab, die offensichtliche Interpretationsbedürftigkeit der Kunst im 20. und 21. Jahrhundert ist dafür ein Indiz. Es gibt heute einen Zirkel von Kunstproduzenten, Kunstkritikern und Subventionsgebern, der in sich autark funktioniert und keine anderen Bedürfnisse befriedigt, als eben jene, die er selbst erzeugt. Das lag in jener Entwicklung, die man als Befreiung oder als Defunktionalisierung von Kunst beschreiben kann.

 

Nachdem die Kunst die Wahrheit nicht mehr in ihrer gesellschaftlich normativen Form darstellen kann, sie aus ihren sozialen und religiösen Bindungen gelöst ist, bleibt ihr ein freies Spiel der Einbildungskraft, ein Zurückgehen des Menschen in sich selbst, eine Verpflichtung der Kunst auf das Humane in einem umfassenden Sinn. So wurde die neue Definition der Kunst zu einem zentralen, wenn auch umstrittenen Paradigma der modernen Kunst. Die Frage nach der Humanität gerade jener Kunst, die sich den radikalsten formalen Experimenten überließ, ist immer wieder gestellt und diskutiert worden. Die Kritik der Moderne wirft immer wieder vor, den Menschen als ihren Gegenstand und Maßstab verloren zu haben.

 

Heute, nach dem Verlust aller außerästhetischen Bindungen, bleibt der Künstler als ein singuläres Subjekt tatsächlich das einsame Souverän seiner Kunst. Der Künstler ist ein Ausdruck des schaffenden Subjekts und nur in dieser Individualität kann er seine Legitimität finden. Der moderne Künstler hat den Anspruch sich selbst und seine Welterfahrung zum Ausdruck bringen. Dieser Anspruch wird theoretisch und praktisch immer wieder neu gestellt und durchgesetzt.

 

 

Hegels These vom Ende der Kunst impliziert eine neue Bedeutung. Unter solch einer wohl angemessenen, rationalitätskritischen und von Skepsis getragenen Perspektive gewinnt die Frage nach der Wahrheitsfähigkeit von Kunst plötzlich neue Relevanz. Wenn man die Rationalität als defizitär beschreibt, weil sie das Einzelne, Besondere, Sinnliche und Emotionale ausschaltet, ist gerade dann in der Kunst ein Verfahren zu sehen, das geeignet sein müsste, diese Defizite abzudecken und als Kritik an der Ratio auch als Kompensation ihrer Schwächen zu fungieren.